„Irka ziert sich noch, ich muss sie weiter unter Druck setzen. Sonst kommt sie doch glatt auf die Idee, in ein Sanatorium zu fahren! Und ich soll hier allein auf der Datscha verrotten“, hörte die Tochter das Gespräch durch die Wand. „Bist du völlig wahnsinnig?“, die Mutter stellte die Tasse mit einem Knall auf den Tisch, sodass der Tee als rostbraune Pfütze auf das Wachstuch spritzte. „Das Dach ist undicht, und die bildet sich ein, ins Sanatorium zu fahren!“

„Irka ziert sich noch, ich muss sie weiter unter Druck setzen. Sonst kommt sie doch glatt auf die Idee, in ein Sanatorium zu fahren! Und ich soll hier allein auf der Datscha verrotten“, hörte die Tochter das Gespräch durch die Wand.

„Bist du völlig wahnsinnig?“, die Mutter stellte die Tasse mit einem Knall auf den Tisch, sodass der Tee als rostbraune Pfütze auf das Wachstuch spritzte. „Das Dach ist undicht, und die bildet sich ein, ins Sanatorium zu fahren!“

Irina stand mit ihrem Koffer im Flur und wusste zum ersten Mal seit Jahren nicht, was stärker war: das Schuldgefühl oder der Wunsch, endlich zu gehen. Ihre Finger umklammerten den Griff, als könnte der Koffer sich losreißen und von selbst davonlaufen. Draußen nieselte ein kalter Oktoberregen, die Tropfen liefen in krummen Bahnen über die Scheibe, und in ihrem Kopf erklang bereits die vertraute innere Stimme: „Welche normale Tochter lässt ihre Mutter in so einem Moment allein?“

Nina Pawlowna saß am Küchentisch und presste die Lippen zusammen – eine kleine, hagerte Frau mit einem schweren Blick unter ihrer Brille hervor. Sie schwieg jetzt absichtlich, und dieses Schweigen lastete schwerer als jedes Wort.

„Mama, ich bin doch nur eine Woche weg“, sagte Irina leise.

„Eine Woche“, wiederholte die Mutter in einem Tonfall, als hätte ihre Tochter gerade verkündet, sie würde auf einen anderen Kontinent auswandern. „Und das Haus soll ruhig in sich zusammenfallen.“

Irina schloss die Augen. Der Regen draußen wurde stärker.

Alles begann vor drei Jahren, als Irina zum ersten Mal mit geröteten Augen zur Arbeit kam und der Buchhalterin Sweta lange nicht erklären konnte, warum ihre Hände zitterten.

„Er ist weg“, brachte sie damals schließlich hervor. „Zu einer Praktikantin. Vierundzwanzig ist sie.“

Sweta nahm sie in den Arm und sagte:
„Was für ein A…loch.“

Das reichte. Andere Worte hätte Irina an diesem Tag nicht ertragen.

Ihr Mann war leichtfüßig gegangen, fast schon fröhlich. Er hinterließ einen ungekündigten Kredit für das Auto, das er mitgenommen hatte, einen Stapel unbezahlter Rechnungen und einen Zettel am Kühlschrank: „Verzeih mir, so ist es für alle das Beste.“ Irina war zweiundvierzig, und zum ersten Mal seit achtzehn Jahren war sie allein in der leeren Zweizimmerwohnung, in der selbst das Echo vorwurfsvoll klang.

Die Mutter hatte damals auf ihre eigene Weise reagiert.

„Ich hab es dir ja gesagt“, sagte Nina Pawlowna gleich am ersten Abend am Telefon. „Dieser Andrej hat immer schon mit den Augen gerollt. Na ja, wenigstens hast du jetzt mehr Freizeit. Komm am Samstag vorbei – der Zaun ist schief.“

Und Irina kam. Und dann noch einmal, und noch einmal. Der Zaun wurde durch Beete ersetzt, die Beete durch das Streichen der Wände, das Streichen durch den Austausch der Rohre. Jedes Wochenende stieg sie in die Vorortbahn und fuhr zur Datscha, wo die Mutter sie mit einer Aufgabenliste auf einem Schulheftzettel erwartete, vollgeschrieben mit winziger Handschrift.

„Mama, sollen wir vielleicht einen Handwerker rufen?“, schlug Irina einmal vor, während sie einen verrosteten Wasserhahn betrachtete.

„Was für einen Handwerker? Für dieses Geld?“, Nina Pawlowna winkte ab. „Sind dir etwa die Hände abgefault?“

Die Hände waren nicht abgefault. Sie taten nur jeden Montag weh.

Ihren Kollegen war das aufgefallen. Sweta fragte einmal direkt:
„Wann warst du das letzte Mal im Urlaub? Einem richtigen, nicht in den Gemüsebeeten?“

Irina überlegte und konnte sich nicht erinnern.

Deshalb öffnete Sweta sofort die Website eines Sanatoriums, als der Chef ihr vor den Oktoberfeiertagen den Umschlag mit der Prämie überreichte und sagte: „Hast du dir verdient.“

„Hier, schau mal. See, Pinien, Schwimmbad. Eine Woche. Nicht teuer.“

„Ich kann nicht“, begann Irina pflichtbewusst.

„Du kannst“, schnitt Sweta ihr das Wort ab. „Du bist fünfundvierzig Jahre alt und hast zumindest sieben Tage ohne Schaufel verdient.“

Irina buchte den Aufenthalt. Den ganzen Abend saß sie in der Küche, starrte auf die ausgedruckte Buchungsbestätigung und lächelte – ungewohnt, zaghaft, als hätte sie es verlernt. Doch kaum rief sie ihre Mutter an, erlosch das Lächeln.

„Sanatorium?“, fragte Nina Pawlowna mit eisiger Stimme. „Und du weißt schon, dass mein Dach undicht ist?“

Seit diesem Gespräch rief die Mutter jeden Abend pünktlich um acht an, wie nach einem Zeitplan. Ihre Stimme wurde immer kläglicher, und jedes Mal kamen zu den alten Sorgen neue hinzu.

„Heute hat es wieder gegossen“, berichtete Nina Pawlowna in den Hörer. „Die Veranda ist so voll gelaufen, dass ich mit dem Aufstellen der Eimer gar nicht hinterherkomme. Die Decke quillt schon auf, jeden Moment könnte sie mir auf den Kopf fallen.“

„Mama, soll ich sie vielleicht erst mal mit einer Plane abdecken?“, schlug Irina vor und spürte, wie sich der vertraute Knoten in ihrer Brust zusammenzog.

„Mit einer Plane!“, Nina Pawlowna schnaubte. „Soll ich mit siebzig etwa aufs Dach klettern und mit Planen hantieren? Aber die Tochter hat ja keine Zeit, die Tochter muss ja in die Kurorte reisen.“

„Ich bin noch nirgendwohin gefahren, Mama.“

„Dann bleib auch hier.“

Nach jedem Telefonat saß Irina auf dem Sofa und starrte die Wand an. Dann öffnete sie auf ihrem Handy die Seite des Sanatoriums, las die Stornobedingungen und stellte sich vor, wie sie ihren Urlaub wieder in Gummistiefeln verbringen würde, mit Eimern und nassen Lappen, in einem Haus, das nach Feuchtigkeit und Vorwürfen roch.

Doch am vierten Abend änderte sich etwas. Die Mutter rief wie üblich an, und mitten in ihren üblichen Klagen ließ sie plötzlich fallen:
„Dir kann es ja egal sein, du hast allein ja sowieso nichts zu tun. Da könntest du wenigstens nützlich sein.“

Irina wollte antworten, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie drückte den Hörer weg und saß lange im Stillen.

*Allein nichts zu tun. Wenigstens nützlich sein.* Als wäre sie ohne Nutzen ein Nichts.

Irina ertappte sich bei einem Gedanken, der sich früher nie zu formen getraut hatte: Seit der Scheidung hatte sie kein einziges Mal – nicht ein einziges Mal – etwas nur für sich getan. Jedes Wochenende, jeder Urlaub, jeder freie Abend gehörten der Mutter. Was, wenn es gar nicht um das Dach ging? Was, wenn die Mutter sie einfach nicht loslassen wollte?

Der Gedanke war beängstigend. Irina legte das Telefon beiseite und rief zum ersten Mal nicht zurück.

Einen Tag vor ihrer Abreise fuhr Irina zur Datscha, um Lebensmittel und Medikamente vorbeizubringen. Sie hatte zwei schwere Tüten gepackt: Buchweizen, Öl, Brot, Blutdrucktabletten, Salbe für die Gelenke. Alles genau nach der Liste, die die Mutter ihr am Morgen in einem Ton diktiert hatte, als würde sie ihr Testament verlesen.

„Stell es in die Küche“, warf Nina Pawlowna ihr zur Begrüßung entgegen. „Und schau dir mal das Rohr unter dem Waschbecken an, das summt schon wieder.“

Irina verstaute wortlos die Lebensmittel, prüfte das Rohr – es summte nicht – und machte sich bereit zu gehen. Als sie bereits im Flur ihre Jacke zuknöpfte, hörte sie Stimmen aus der Küche. Das kleine Fenster war geöffnet, und die Mutter unterhielt sich mit ihrer Nachbarin Valentina durch den Zaun – der Schall trug deutlich jedes Wort herüber …

„Bist du völlig wahnsinnig?“, die Mutter stellte die Tasse mit einem Knall auf den Tisch, sodass der Tee als rostbraune Pfütze auf das Wachstuch spritzte. „Das Dach ist undicht, und die bildet sich ein, ins Sanatorium zu fahren!“

Irina stand mit ihrem Koffer im Flur und wusste zum ersten Mal seit Jahren nicht, was stärker war: das Schuldgefühl oder der Wunsch, endlich zu gehen. Ihre Finger umklammerten den Griff, als könnte der Koffer sich losreißen und von selbst davonlaufen. Draußen nieselte ein kalter Oktoberregen, die Tropfen liefen in krummen Bahnen über die Scheibe, und in ihrem Kopf erklang bereits die vertraute innere Stimme: „Welche normale Tochter lässt ihre Mutter in so einem Moment allein?“

Nina Pawlowna saß am Küchentisch und presste die Lippen zusammen – eine kleine, hagere Frau mit einem schweren Blick unter ihrer Brille hervor. Sie schwieg jetzt absichtlich, und dieses Schweigen lastete schwerer als jedes Wort.

„Mama, ich bin doch nur eine Woche weg“, sagte Irina leise.

„Eine Woche“, wiederholte die Mutter in einem Tonfall, als hätte ihre Tochter gerade verkündet, sie würde auf einen anderen Kontinent auswandern. „Und das Haus soll ruhig in sich zusammenfallen.“

Irina schloss die Augen. Der Regen draußen wurde stärker.

Alles begann vor drei Jahren, als Irina zum ersten Mal mit geröteten Augen zur Arbeit kam und der Buchhalterin Sweta lange nicht erklären konnte, warum ihre Hände zitterten.

„Er ist weg“, brachte sie damals schließlich hervor. „Zu einer Praktikantin. Vierundzwanzig ist sie.“

Sweta nahm sie in den Arm und sagte:
„Was für ein A…loch.“

Das reichte. Andere Worte hätte Irina an diesem Tag nicht ertragen.

Ihr Mann war leichtfüßig gegangen, fast schon fröhlich. Er hinterließ einen ungekündigten Kredit für das Auto, das er mitgenommen hatte, einen Stapel unbezahlter Rechnungen und einen Zettel am Kühlschrank: „Verzeih mir, so ist es für alle das Beste.“ Irina war zweiundvierzig, und zum ersten Mal seit achtzehn Jahren war sie allein in der leeren Zweizimmerwohnung, in der selbst das Echo vorwurfsvoll klang.

Die Mutter hatte damals auf ihre eigene Weise reagiert.

„Ich hab es dir ja gesagt“, sagte Nina Pawlowna gleich am ersten Abend am Telefon. „Dieser Andrej hat immer schon mit den Augen gerollt. Na ja, wenigstens hast du jetzt mehr Freizeit. Komm am Samstag vorbei – der Zaun ist schief.“

Und Irina kam. Und dann noch einmal, und noch einmal. Der Zaun wurde durch Beete ersetzt, die Beete durch das Streichen der Wände, das Streichen durch den Austausch der Rohre. Jedes Wochenende stieg sie in die Vorortbahn und fuhr zur Datscha, wo die Mutter sie mit einer Aufgabenliste auf einem Schulheftzettel erwartete, vollgeschrieben mit winziger Handschrift.

„Mama, sollen wir vielleicht einen Handwerker rufen?“, schlug Irina einmal vor, während sie einen verrosteten Wasserhahn betrachtete.

„Was für einen Handwerker? Für dieses Geld?“, Nina Pawlowna winkte ab. „Sind dir etwa die Hände abgefault?“

Die Hände waren nicht abgefault. Sie taten nur jeden Montag weh.

Ihren Kollegen war das aufgefallen. Sweta fragte einmal direkt:
„Wann warst du das letzte Mal im Urlaub? Einem richtigen, nicht in den Gemüsebeeten?“

Irina überlegte und konnte sich nicht erinnern.

Deshalb öffnete Sweta sofort die Website eines Sanatoriums, als der Chef ihr vor den Oktoberfeiertagen den Umschlag mit der Prämie überreichte und sagte: „Hast du dir verdient.“

„Hier, schau mal. See, Pinien, Schwimmbad. Eine Woche. Nicht teuer.“

„Ich kann nicht“, begann Irina pflichtbewusst.

„Du kannst“, schnitt Sweta ihr das Wort ab. „Du bist fünfundvierzig Jahre alt und hast zumindest sieben Tage ohne Schaufel verdient.“

Irina buchte den Aufenthalt. Den ganzen Abend saß sie in der Küche, starrte auf die ausgedruckte Buchungsbestätigung und lächelte – ungewohnt, zaghaft, als hätte sie es verlernt. Doch kaum rief sie ihre Mutter an, erlosch das Lächeln.

„Sanatorium?“, fragte Nina Pawlowna mit eisiger Stimme. „Und du weißt schon, dass mein Dach undicht ist?“

Seit diesem Gespräch rief die Mutter jeden Abend pünktlich um acht an, wie nach einem Zeitplan. Ihre Stimme wurde immer kläglicher, und jedes Mal kamen zu den alten Sorgen neue hinzu.

„Heute hat es wieder gegossen“, berichtete Nina Pawlowna in den Hörer. „Die Veranda ist so voll gelaufen, dass ich mit dem Aufstellen der Eimer gar nicht hinterherkomme. Die Decke quillt schon auf, jeden Moment könnte sie mir auf den Kopf fallen.“

„Mama, soll ich sie vielleicht erst mal mit einer Plane abdecken?“, schlug Irina vor und spürte, wie sich der vertraute Knoten in ihrer Brust zusammenzog.

„Mit einer Plane!“, Nina Pawlowna schnaubte. „Soll ich mit siebzig etwa aufs Dach klettern und mit Planen hantieren? Aber die Tochter hat ja keine Zeit, die Tochter muss ja in die Kurorte reisen.“

„Ich bin noch nirgendwohin gefahren, Mama.“

„Dann bleib auch hier.“

Nach jedem Telefonat saß Irina auf dem Sofa und starrte die Wand an. Dann öffnete sie auf ihrem Handy die Seite des Sanatoriums, las die Stornobedingungen und stellte sich vor, wie sie ihren Urlaub wieder in Gummistiefeln verbringen würde, mit Eimern und nassen Lappen, in einem Haus, das nach Feuchtigkeit und Vorwürfen roch.

Doch am vierten Abend änderte sich etwas. Die Mutter rief wie üblich an, und mitten in ihren üblichen Klagen ließ sie plötzlich fallen:
„Dir kann es ja egal sein, du hast allein ja sowieso nichts zu tun. Da könntest du wenigstens nützlich sein.“

Irina wollte antworten, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie drückte den Hörer weg und saß lange im Stillen.

*Allein nichts zu tun. Wenigstens nützlich sein.* Als wäre sie ohne Nutzen ein Nichts.

Irina ertappte sich bei einem Gedanken, der sich früher nie zu formen getraut hatte: Seit der Scheidung hatte sie kein einziges Mal – nicht ein einziges Mal – etwas nur für sich getan. Jedes Wochenende, jeder Urlaub, jeder freie Abend gehörten der Mutter. Was, wenn es gar nicht um das Dach ging? Was, wenn die Mutter sie einfach nicht loslassen wollte?

Der Gedanke war beängstigend. Irina legte das Telefon beiseite und rief zum ersten Mal nicht zurück.

Einen Tag vor ihrer Abreise fuhr Irina zur Datscha, um Lebensmittel und Medikamente vorbeizubringen. Sie hatte zwei schwere Tüten gepackt: Buchweizen, Öl, Brot, Blutdrucktabletten, Salbe für die Gelenke. Alles genau nach der Liste, die die Mutter ihr am Morgen in einem Ton diktiert hatte, als würde sie ihr Testament verlesen.

„Stell es in die Küche“, warf Nina Pawlowna ihr zur Begrüßung entgegen. „Und schau dir mal das Rohr unter dem Waschbecken an, das summt schon wieder.“

Irina verstaute wortlos die Lebensmittel, prüfte das Rohr – es summte nicht – und machte sich bereit zu gehen. Als sie bereits im Flur ihre Jacke zuknöpfte, hörte sie Stimmen aus der Küche. Das kleine Fenster war geöffnet, und die Mutter unterhielt sich mit ihrer Nachbarin Valentina durch den Zaun – der Schall trug deutlich jedes Wort herüber…

„Also, fährt Irka nun?“, fragte Valentina.

„Sie ziert sich noch“, antwortete Nina Pawlowna, und in ihrer Stimme schwang ein Hohn mit, den Irina noch nie zuvor gehört hatte – oder nie hören wollte. „Aber ich werde sie weiter unter Druck setzen. Es gibt hier keine Katastrophe, Walja. Es hat nach dem Regen zweimal getropft, mehr nicht. Aber wenn man Irka nicht ein bisschen in Angst versetzt, wird sie noch leichtsinnig. Wenn sie erst einmal auf den Geschmack kommt, in Sanatorien zu fahren… Und ich soll hier allein verrotten.“

Valentina kicherte unbeholfen und sagte etwas darüber, wie undankbar Kinder heutzutage seien. Nina Pawlowna stimmte ihr bereitwillig zu.

Irina stand im dunklen Flur mit einer Tüte Kartoffeln, die sie vergessen hatte hineinzubringen, und konnte sich nicht rühren. Ihr Herz klopfte schwer und langsam, als wäre es nicht ihr eigenes. Vor ihren Augen zog plötzlich alles an ihr vorbei: die abgesagte Reise nach St. Petersburg vor fünf Jahren; der Mann aus der anderen Abteilung, den sie abgewiesen hatte, weil sie „Mama mit den Pflaumen helfen musste“; die endlosen Samstage mit Schaufel und Eimern; und das ewige, zermürbende Gefühl, eine schlechte Tochter zu sein, die sich nicht genug anstrengt, die nicht genug opfert.

Das Dach war nicht undicht. Das Dach war nur ein Vorwand.

Irina stellte die Tüte leise auf den Boden, öffnete lautlos die Tür und trat auf die Veranda. Der Regen hatte gegen Abend aufgehört. Der Himmel war klar.

Irina kehrte in die Küche zurück, so leise, dass die Mutter zusammenzuckte und ihren Löffel fallen ließ. Valentina war draußen bereits fort.

Irina stellte die vergessene Tüte mit Kartoffeln ruhig auf den Tisch, neben die unangetasteten Lebensmittel, und sah ihrer Mutter direkt in die Augen.

„Das Dach ist also gar nicht undicht?“

Nina Pawlowna wurde blass, aber nur für einen Moment. Sofort richtete sie sich auf und hob das Kinn.

„Du belauschst mich jetzt? So weit ist es also schon gekommen!“, ihre Stimme schrillte. „Ich habe dich allein großgezogen, habe nächtelang nicht geschlafen, und du stehst hier und verhörst deine Mutter wie eine Fremde!“

Früher hätte sich Irina zusammengekauert. Sie hätte angefangen sich zu entschuldigen, zu erklären, sich zu rechtfertigen. Doch jetzt war alles leer und klar in ihr, wie nach einem Gewitter.

„Ich habe dir mein ganzes Leben geopfert!“, Nina Pawlowna wurde lauter und ihre Lippen begannen zu beben. „Und du…“

Irina holte schweigend den Schlüsselbund für die Datscha aus ihrer Tasche und legte ihn auf den Tisch. Die Schlüssel klirrten auf dem Wachstuch.

„Mama, ich bin müde“, sagte sie sachlich. „Ich bin müde, so zu leben, als dürfte ich nichts für mich selbst wollen. Das Dach hat damit nichts zu tun. Du willst einfach nur nicht, dass ich mich auch nur ein einziges Mal für mich selbst entscheide.“

Nina Pawlowna griff sich an die Brust.
„Mein Blutdruck… Ich werde gleich ohnmächtig…“

Irina bestellte ein Taxi, zog ihre Jacke an und ging. Die Tür hinter ihr schloss sich sanft, ohne zu knallen. Die Mutter rief ihr noch etwas hinterher, doch die Worte erreichten sie nicht mehr.

Im Sanatorium verließ Irina die ersten zwei Tage ihr Zimmer kaum. Sie schlief zwölf Stunden am Stück, wachte auf, aß etwas und legte sich wieder hin. Ihr Körper fühlte sich schwer an, als hätte man ihr etwas entfernt, das sie all die Jahre auf den Beinen gehalten hatte – und ohne dieses stützende Gerüst fühlte sie sich wie Pudding.

Das Telefon stand nicht still. Die Mutter rief methodisch an: morgens, mittags, abends. Zuerst kamen Drohungen:
„Wenn du nicht zurückkommst, brauchst du gar nicht mehr wiederzukommen!“

Dann Vorwürfe:
„Ich existiere also nicht mehr für dich, ja?“

Dann Klagen über das Herz, die Beine, den Blutdruck. Irina las die Nachrichten, und jede davon löste den vertrauten Schmerz unter den Rippen aus. Aber sie antwortete nicht.

Am dritten Morgen wachte sie früh auf, warf sich eine Jacke über und ging zum See. Der hölzerne Steg war nass vom Tau. Irina setzte sich an den Rand, umschloss die heiße Kaffeetasse mit beiden Händen und hielt inne.

Stille. Die Pinien standen unbeweglich. Das Wasser war glatt, grau-blau. Niemand forderte etwas. Niemand rief, niemand beschuldigte sie, niemand griff sich theatralisch ans Herz.

Sie saß dort eine Stunde lang. Dann noch eine. Der Kaffee war längst kalt, aber sie bemerkte es nicht.

Am letzten Tag öffnete Irina ihr Handy und tippte eine kurze Nachricht:
*„Mama, ich liebe dich. Ich werde dir helfen. Aber mein Leben werde ich nicht mehr von dir steuern lassen.“*

Sie drückte auf „Senden“ und erwartete Panik, Scham, Angst. Doch stattdessen spürte sie, wie sich etwas Warmes und Leichtes in ihrer Brust ausbreitete. Erleichterung. Zum ersten Mal seit vielen Jahren.

Nach ihrer Rückkehr versuchte die Mutter noch lange, alles beim Alten zu belassen. Sie rief mit neuen „Katastrophen“ an: Mal klemmte ein Schloss, mal summte ein Heizkörper, mal soll angeblich die Katze der Nachbarin auf den Dachboden eingezogen sein. Sie war beleidigt, knallte den Hörer auf die Gabel und sprach wochenlang nicht mit ihr.

Doch Irina kam nicht mehr bei jedem Wunsch. Sie half – aber nur dann, wenn sie konnte und wollte. Ohne Schuldgefühle. Ohne Zerrissenheit.

Sie meldete sich im Schwimmbad an – genau in jenem, das drei Jahre zuvor direkt gegenüber ihrem Haus eröffnet worden war, in dem sie aber noch nie gewesen war. An den Wochenenden begann sie kleine Ausflüge zu machen: alte Landsitze, stille Kleinstädte, Uferpromenaden. Und eines Tages kaufte sie sich ein Kleid – kornblumenblau, leicht, absolut unpraktisch. Sie zog es an und spürte nichts als Freude.

Ein paar Monate später hielt sie die Nachbarin Tamara im Treppenhaus an.
„Irina, du bist seit deinem Urlaub wie ausgewechselt“, sagte sie und betrachtete aufmerksam ihr Gesicht. „Du wirkst irgendwie gelassener. Sogar jünger.“

Irina lächelte – leicht, offen, ohne den gewohnten Schatten in ihren Augen.

Sie hatte endlich eine einfache Wahrheit begriffen: Das Erschreckendste war nicht das alte Datscha-Dach, sondern ein Leben, in dem ihr so viele Jahre lang verboten worden war, glücklich zu sein. Und auf diese Erlaubnis brauchte sie von niemandem mehr zu warten.